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Merkel sucht das Bad in der Menge
Fast 2000 Koblenzer verfolgen den Auftritt der Bundeskanzlerin am Hauptbahnhof - CDU-Chefin warnt: Keine Experimente
Ob es in Koblenz noch eine wirklich heiße Phase des Bundestagswahlkampfs geben wird? Was bislang eher eine beschauliche Veranstaltung war, sollte gestern zumindest für die CDU mit dem Besuch ihrer Chefin eine Initialzündung erhalten. Die RZ war beim Besuch der Kanzlerin am Hauptbahnhof mitten im Gewühl und hat beobachtet, ob das funktioniert hat.
KOBLENZ. Fast 2000 Koblenzer erwarteten gestern Bundeskanzlerin Angela Merkel am Koblenzer Hauptbahnhof. 10.15 Uhr: Hubschrauber kreisen, Polizisten kontrollieren Taschen und Rucksäcke. Um 10.30 Uhr soll sie kommen. Viele "Angie"- Plakate, der CDU-Slogan "Wir", schwarz-rot-golden unterlegt, daneben aber auch die Fahnen der Piratenpartei. Und die Forderung "Klimakanzlerin gesucht".
Warten auf den Sonderzug
Im Bahnhof bildet sich bereits ein Spalier bis zum Bahnsteig 1. Merkel reist im Rheingold-Express nach Berlin - eine Nostalgiefahrt zum 60. Jahrestag des Amtsantritts ihres großen Vorgängers Konrad Adenauer. In Koblenz versammelt sich die CDU-Prominenz für ihre Chefin. Verteidigungsminister Franz Josef Jung spricht mit Trainerlegende Rudi Gutendorf über das Kicken im FC Bundestag, mit OB-Kandidat Peter Labonte über seinen Wahlkampf. Jung, Hörster, Baldauf, Weiland: Politprofis unter sich. Und doch ist die Spannung spürbar, während der Sonderzug per Lautsprecher angekündigt wird.
Der Zug rollt ein, sie ist da. Während sich vorher Politiker und Journalisten auf dem Bahnsteig verteilt haben, bildet sich blitzartig das Auge des Sturms um das lilafarbene Jackett der Kanzlerin. Jeder will ihr persönlich die Hand schütteln. Der Merkel-Tross bahnt sich seinen Weg durch die Bahnhofshalle. Auf dem Platz brandet Jubel auf.
Wie bereits in den jüngsten Wahlkämpfen begrüßt Dr. Michael Fuchs als Koblenzer Bundestagskandidat die Kanzlerin als Unterstützerin. Er erinnert an die Krise, die vor einem Jahr ihren Ausgang bei den Lehman Brothers nahm. "Es gibt nur eine, die uns aus der Krise führen kann." Und diese eine braucht dafür ein starkes Wahlergebnis der Union.
So wie Koblenz eine starke Stimme in Berlin braucht. Dass die Koblenzer diese mit Michael Fuchs haben, weiß sie, revanchiert sich Merkel. "Das passt einem nicht immer zu 100 Prozent", räumt sie schmunzelnd ein, mit Blick auf den für sie nicht selten unbequemen Vorsitzenden des Parlamentskreises Mittelstand. "Aber er ist schon ein guter Kerl."
Auf Adenauers Spuren
Merkel beginnt historisch - passend zur Nostalgiefahrt auf Adenauers Spuren. Er habe bei der ersten Regierungsbildung in der jungen Bundesrepublik die richtigen Weichen gestellt. Habe sich nicht auf eine Große Koalition eingelassen, sondern die Koalition mit der FDP und nur einer Stimme Mehrheit gewagt. "Ansonsten hatte er die Sorge, dass die soziale Marktwirtschaft nicht durchzusetzen wäre." Auch heute befinde sich das Land wieder an einer Wegscheide. Merkel: "Wir müssen wieder die richtigen Weichen stellen." Und das bedeutet für sie: Der Staat muss der Hüter der Ordnung sein, aber dem Einzelnen die Freiheit lassen, das zu tun, was er am besten kann. "Nur wenn die Starken sich entfalten können, kann den Schwächeren geholfen werden." Vor der Wirtschaftsentwicklung will sie keine Angst machen. "Wir schaffen das", gibt sich die Kanzlerin zuversichtlich. Aber: Dafür brauche es stabile Verhältnisse. Experimente könne man sich nicht erlauben, und auch keine langwierige Regierungsbildung, wie sie in Thüringen und dem Saarland zu beobachten sei.
Langwierig darf jetzt auch das Plädoyer von CDU-Landeschef Christian Baldauf ("Müssen Vertrauen zurückgewinnen") nicht mehr ausfallen. Klares Signal der Chefin: Schluss jetzt, der Zug rollt weiter. Noch einmal sucht Merkel den Kontakt zu den Menschen, schüttelt Hände, verteilt Autogramme. Dann geht es zurück in den Rheingold-Express. Nächster Halt: Frankfurt. Ingo Schneider
RZ Koblenz & Region vom Mittwoch, 16. September 2009, Seite 11. zurück Homepage
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